Szpilmans Song-Klassiker kommen zu neuem Leben
Billboard, USA, 23. November 2002
Von Jim Bessman
 
Das ist der Stoff, aus dem Filme gemacht werden! Und es war nur zu gewiss, dass die Geschichte des berühmten polnischen Pianisten und Komponisten Wladyslaw Szpilman, erzählt von seinem Landsmann Roman Polanski in Der Pianist, den Großen Preis beim diesjährigen Filmfestival in Cannes gewinnen würde.
Der Film, der am ersten Weihnachtstag in den USA in die Kinos kommt, hat nicht nur eine bei Sony erschienene CD mit dem Soundtrack des Films im Gefolge, sondern auch ein Album mit Szpilmans populären polnischen Standards: Wendy Lands sings the Music of the Pianist Wladyslaw Szpilman, das am 26. November auf Universals Hip-O Label erscheinen wird. Das Album präsentiert die kanadische Künstlerin Wendy Lands mit Songs, die Szpilman in den 40er und 50er Jahren komponierte, nachdem er auf wunderbare Weise das Warschauer Getto und die Ausrottungspolitik der Nazis überlebt hatte.
Szpilman, jüdischer Abstammung und eine Berühmtheit beim polnischen Rundfunk, spielte Chopins cis-moll Nocturne, als Bomben auf das Studio fielen. Er konnte der Deportation und den Todeslagern entkommen und wurde schließlich von einem deutschen Offizier gerettet, der ihn in seinem Versteck dasselbe Nocturne Chopins spielen hörte. Als er nach dem Krieg seine Karriere beim polnischen Rundfunk wieder aufnahm, geschah dies wieder mit einer Interpretation von Chopins Stück.
Szpilman, der vor zwei Jahren starb, schrieb ein Buch über seine Erlebnisse: Der Pianist. Es wurde zum Bestseller und liegt Polanskis Film zugrunde. Der Film geht allerdings auf Szpilmans Kompositionen nicht ein. In dem Bemühen, auch diesem bedeutenden Aspekt im Werk seines Vaters die verdiente Anerkennung zuteil werden zu lassen, wandte sich Andrzej Szpilman an seinen deutschen Freund Sherman Heinig, einen jetzt in Los Angeles lebenden Veteran des Musikgeschäfts.
EINFÜHLSAME ÜBERSETZUNG
"Er erzähte mir von all den populären Songs seines Vaters und spielte mir einige vor, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass die polnische Sprache besonders musikalisch sei", berichtet Heinig, Produzent der CD Wendy Lands sings the Music of the Pianist Wladyslaw Szpilman. "Sie brauchten englische Texte und neue, zeitgemäßeArrangements, denn sie waren in den 40er und 50er Jahren entstanden." Heinig war mehr für ein "akustisches als für ein synthetisches Keyboard-Album" und brachte den Produzenten John Leftwich ins Spiel, der die Produktion künstlerisch betreuen sollte. "Er spielte Baß mit Rickie Lee Jones und Lyie Lovett, und ich wusste, dass er sensibel genug ist, aus dieser Musik von damals etwas zu machen, was den Leuten heute gefallen würde", setzt Heinig fort. "Da diese Musik in dem Film keine Rolle spielt, und es die erste Gelegenheit für die Menschen im Westen außerhalb Polens ist, Szpilmans Musik zu hören, sollte es auf eine Weise geschehen, dass es junge Leute in einer Weise anzieht wie etwa Nora Jones, und nicht auf die Art, wie man es in den 40ern machte."
Statt englische Übersetzungen von den polnischen Texten zu Szpilmans Songs anzufertigen oder einfach deren Inhalte wieder aufzuwärmen, gaben Heinig und Sherman neue Texte bei jungen Songwritern in Auftrag. Dazu Heinig: "Wenn Sie Szpilmans Musik hören, dann spüren sie, dass das ein sensibler, feinfühliger und romantischer Mensch war, deshalb haben wir nach Texten gesucht, die zu seiner Musik passen, mit dem selben Ausdruck und dem selben Gefühl."
"Diese Musik ist von einer klassischen Feinheit mit vielen Beziehungen zum Jazz der 40er und 50er, und da wir sie einem breiten Publikum zugänglich machen wollten, suchten wir Texter, die bereits ein Publikum hatten", führt Leftwich aus. Unter denen, die zu The Music of Wladyslaw Szpilman beigetragen haben, nennt er die Songwriter David Batteau, Larry John McNally und Mike Ruff, die alle Songs für Bonnie Raitt schrieben. "Es sind erfolgreiche Texter in diesem Genre zwischen Pop, Jazz, Folk und Americana."
Leftwich fügt hinzu, dass man "beim Lesen von Szpilmans Buch den Eindruck bekommt, dass das ein wirklich charmanter Mann gewesen ist, und dass man dies auch in seiner Art zu komponieren spürt: raffiniert, geistreich und gefühlvoll. Der erste Texter, den ich ansprach, war Mike Ruff. Er las das Buch und war sehr beeindruckt, wie dieser Mensch trotz allem, was er zu erleiden hatte, keinen Groll gegenüber irgend jemandem hegte. Mike dachte, dass das wohl die Art und Weise wäre, wie wir uns selber in einem Krieg verhalten würden: Wir sind alle Musiker, die nicht versuchen würden, Menschen aus Rache umzubringen, sondern durchzukommen, wir selbst zu bleiben und unsere Offenheit nicht zu verlieren. Für Batteau, der auch das Buch las, bedeutete es eine "unglaubliche Ehre", Texte zu Szpilmans Songs zu schreiben. Der Zeitpunkt für dieses Projekt, fügt er hinzu, war auch "unglaublich" angesichts des weltweit wachsenden Antisemitismus. Batteau schrieb die Texte zu I'm set free, My memories of you und Someday we will love again, er ist Ko-Autor zusammen mit Leftwich von Prisoners of Evening, der seinerseits Turn Away und Hold me a moment beisteuerte.
Batteau sagt "Szpilmans Musik steht in der Tradition der großen Standards, und da möchte ich auch gerne weitermachen, denn ich habe gehört, dass noch 300 weitere Songs auf ihre Entdeckung warten. Das Schöne am Schreiben für Standards liegt in der Raffinesse einer Form, in der sich nichts in derselben Weise wiederholt, und das ist eine Herausforderung für die Texte. Der Song muß sich vom Anfang bis zu Ende entwickeln, wie in klassischer Musik. Aber der Standard ist auch ein intelligentes Medium, dass dem Texter Raum lässt für die Erkundung tiefer Gefühle. Das Szpilman-Projekt war deshalb eine höchst willkommene Erfahrung."
LANDS LEIHT IHRE NOTE
Leftwich weist auf das "beeindruckend breite Spektrum ihrer Erfahrung" hin, wenn er erklärt, warum die Wahl für die Interpretation von Szpilmans Songs auf die kanadische Sängerin Wendy Lands gefallen ist, die bereits bei EMI Kanada veröffentlich hat. Als er mit ihr im letzten Jahr an den Demos arbeitete (sie ist auch Co-Texterin für Szpilmans Song True and Tender), fiel ihm ihre Begabung für Stile wie Western, Rock und Jazz auf. "Teile von Szpilmans Musik gehen in all diese verschiedenen Stilrichtungen", sagt er, "und das ist das Aufregende an dieser Aufnahme. Manchmal arbeitet man an einem Projekt und will dabei eine Aussage in einer bestimmten Richtung machen, aber bei diesem wollten wir all die Stile streifen, die in seiner Musik drinstecken, und Wendy war in der Lage, sie herauszuholen." Leftwich weist auch auf das nohe Niveau der Instrumentalisten der Produktion hin, zu denen so vielseitige Begabungen wie der Geiger Sid Page und die Gitarristen Greg Leisz, Jeff Pevar und Heitor Teixeira Pereira gehören.
Vizepräsident Pat Lawrence von Hip-O ist sicher, dass Wendy Lands sings the music of the Pianist Wladyslaw Szpilman ihren Platz auf dem Markt finden wird, nicht zuletzt dank Blue Notes Pioniertaten mit [Nora] Jones. Und er hofft, dass das Album beweist, dass Szpilman nicht nur ein hoch angesehener Pianist klassischer Musik war, sondern auch ein aussergewöhnlicher Komponist von poppiger und jazziger Musik." Aber Lawrence hofft auch, dass das Album Szpilmans wichtige Geschichte den Menschen näher bringen wird. Wie Andrzej Szpilman im Booklet schreibt: "Diese CD ist Zeugnis für die Kraft der Musik und den Überlebenswillen eines Menschen, der die schwierigen Jahre seines Verstecktseins nicht zuletzt dadurch überlebte, dass er sich Note für Note, Takt für Takt, jedes Stück Musik in Erinnerung rief, das er gespielt oder komponiert hatte."
copyright: Jim Bessman, Billboard
(deutsche Übersetzung eines in der amerikanischen Musikzeitschrift Billboard im November 2002 erschienenen Textes)